Zertifizieren? Nein, das machen wir nicht (mehr)!

Seit einiger Zeit werden auch wir immer häufiger dazu aufgefordert, uns „zu Zertifizieren“. Die Themen sind so vielfältig wie die „progressive Szene“. Gemeinwohl-Ökonomie möchte gerne mit uns eine Gemeinwohl-Bilanz erstellen, andere Kunden hätten gerne eine Zertifizierung zur Kreislaufwirtschaft, alle erwarten nicht mehr eine aus Überzeugung gelebte ökologische und soziale Produktion, sondern eine Bescheinigung darüber. Und folgst Du nicht gleich dem Wunsch/Befehl des Antragstellers, sind auch sehr bald dessen Aufträge weg. Die landen dann temporär bei dem frisch Zertifizierten, bis eine neue Idee zur Zertifizierung in Umlauf ist, dann sind sie auch bei dem wieder weg.

Sehr deutsch ist das alles, sehr bürokratisch und so, wie wir (TIAMATdruck) das nun schon seit über 35 Jahren kennen. Ihr vertraut nur einer nachrechenbaren Formel, löst gerne zuerst eine Bahnsteigkarte, bevor der Bahnhof besetzt wird.

1981 schon gründeten wir uns als selbstverwalteter Betrieb, verstanden uns wie einige wenige Firmen in Deutschland als Kollektiv. Fast niemand diskutierte damals außerhalb der Kollektive über den konsequenten Einsatz von Recyclingpapier oder über die fachgerechte Entsorgung von Chemikalien, wir aber machten es einfach. Wir mussten (bis heute) sehr oft unsere Kunden von der konsequenten Nachhaltigkeit überzeugen, auch dass Umweltschutz mehr kostet als Umweltschweinereien. Und das es der menschlichen Natur widerspricht, das Leben in Arbeit und Freizeit zu zerteilen. Auch Arbeitszeit muss lebenswert sein, basta. Aber viele unserer Kunden waren und sind bis heute oft nicht bereit, dafür auch den angemessenen (vielleicht auch höheren) Preis zu zahlen. Es wird sehr moralisch lieber ein Zeugnis verlangt. Dann aber für dieses Ideal unter Umständen auch etwas mehr bezahlen zu müssen wie bei Flyeralarm und Konsorten, wie sieht es denn damit aus? Der saugünstige Onlinedruckereienpreis heiligt dann doch das fehlende Zertifikat, wer so günstig = groß ist, der wird schon alles korrekt machen, gell? Zertifikat hin oder her, wir zahlen doch nicht vor Ort mehr als im Netz, da hört dann aber doch political correctness auf.

1991 lösten wir uns selbst als Kollektiv auf, aber unsere Gehirne und Visionen sind so geblieben wie sie waren und deshalb werden wir uns auch nicht mal wieder für irgend eine Idee zertifizieren, zumal die meistens sowieso nicht neu ist!

Meine Lieben, wir sind aus dem Alter raus, wo wir das Rad alle paar Jahre neu erfinden müssen. Wir genießen glaube ich so was wie Bestandsschutz. Und wem dann alles so nicht gefällt, …tja!

Über Jörg Peter Wiedenhöfer

Ich liebe alle Möglichkeiten der „Schwarzen Kunst“ und hasse 0815-matt/glänzende-Onlinedruckerei-Papiere. Wo bleibt da das Sinnliche, wo bleibt die Haptik? Früher gab es an allen Heidelberger Druckmaschinen eine goldene Plakette mit dem Sinnspruch „Gott grüßt die Kunst“. Der Drucker ist auch Künstler, wenn er so richtig gut sein will. Heute haben unsere neuen Heidelberger Druckmaschinen nicht mehr diese Plakette. Heute wollen viele Kunden nur noch geile Preise, nicht eine geile Drucksache…

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